Online-Artikel + Video: Live-Rollenspiel

Erläuterung zum Beitrag
Dieser Artikel über einen Live-Rollenspiel-Verein aus dem Münchner Umland entstand für das DOK.fest 2012.  2 Tage lang begleitete ich die Vereinsmitglieder bei ihren Vorbereitungen zu einem Live-Rollenspiel. Einige Schwertkampf-Szenen habe ich in einem kurzen Video aufbereitet.


Dkwddk, oder: Du kannst was du darstellen kannst

Herren der Spiele

Als Waldläufer den Gefahren des Waldes trotzen: auf dem Live-Rollenspiel ist dies für einige Tage möglich. Foto: DOK.fest

Muffin ist Küchenelfe und reinigt die Behausungen anderer gegen Süßigkeiten. Wenn sich Muffin nicht der Hausarbeit widmet, heißt sie Samira und ist 9 Jahre alt. Zusammen mit Schwester Melina und Mutter Gabi hat sie die Gabe, sich für wenige Tage in ein Wesen ihrer Wahl zu verwandeln.

Gabis Familie ist Mitglied im Larp-Verein „Würfel und Schwert“ e.V. Larp steht für Live-Action-Role-Play, und die 30 Mitglieder des Vereins haben ein Faible für Abkürzungen. Auf dem Larp gibt es SC’s und NSC’s die gemeinsam einen Plot spielen, während die SL’s den Überblick über den gesamten Con behalten.

Noch einmal für Nicht-Larper: Spielcharaktere (SC’s), die aktiv ins Spielgeschehen eingreifen, und Nichtspieler-Charaktere (NSC’s), die sich passiv verhalten, unternehmen gemeinsam ein Abenteuer (Plot). Das Abenteuer findet stets im Rahmen eines Spiels (Con) statt, das von einer Spielleitung (SL) beaufsichtigt wird.

Larps durchtrennen gesellschaftliche Barrieren

Ein Con ist der Ort, an dem Wünsche wahr werden. Larperin Joanna erklärt: „Du kannst heroisch sein, du kannst mies sein oder die Welt retten“. Dieser Herausforderung stellen sich junge wie ältere Menschen. Bildungsstand und gesellschaftliche Stellung spielen in ihrer Welt keine Rolle. Während des Larpens wird Lehrer Volker zum schottischen Krieger, während seine Frau Nico – ebenfalls Lehrerin – mit magischen Gegenständen handelt oder Knochenbrüche heilt.

Nähen neuer Gewandung

Beim Nähen neuer Gewandungen darf auch modernes Gerät zum Einsatz kommen. Foto: Benjamin Linsner

„Jeder spielt das, was er kann“, erklärt Steffi, die für die Öffentlichkeitsarbeit bei Würfel und Schwert zuständig ist. Und es gilt: ist das Larp vorbei, legen die Spieler ihre Gewandungen ab und kehren in die Realität zurück. Das ist die Regel, doch eine Eigenschaft überwindet die Grenze zwischen Live-Rollenspiel und echtem Leben. Aus der bunt zusammengewürfelten Gruppe sind feste Freundschaften entstanden, und die Rollenspieler treffen sich auch außerhalb der Cons, wobei viel gescherzt und gelacht wird.

Obwohl Simon zu den jüngeren Mitgliedern zählt, ist er bereits einer der vier Vorstände des Vereins. Beim Nähen neuer Gewandungen gibt er den Ton an – und auch die gut 20 Jahre älteren Mitglieder Gabi, Nico und Volker folgen seinen Anweisungen. Da Simons Mutter eine Änderungsschneiderei hat, kennt er sich mit Nadel und Faden bestens aus.

Vorbereitungen für das große Turnier

Schnittmuster von Faschingskostümen werden modifiziert und am Ende entstehen neue Druiden- und Priestergewänder für das bevorstehende Contest „Turney der Südlande“. 300 Teilnehmer haben sich für den großen Wettstreit bereits angemeldet – 600 Spieler sollen es im besten Falle werden. Turney ist ein großes Turnier, bei dem es verschiedene Aufgaben zu lösen gibt. „Es ist ein bisschen wie im Film Ritter aus Leidenschaft“, erklären die Rollenspieler.

Der Film „Die Herren der Spiele“ zeigt hauptsächlich Kampfszenen und viel Gewalt. In der Realität besteht ein Con jedoch aus verschiedensten Handlungssträngen. Die Rollenspieler erzählen von einem Con namens „die singende Meerjungfrau“. Neben einem Teezelt und Brettspielen gab es dort auch Märchenerzählwettbewerbe. „Die singende Meerjungfrau war besonders kinderfreundlich“, erinnert sich Gabi. „Wichtig ist, dass die Kinder beim Schminken dabei sind und sehen, wie die Wesen entstehen“.

Doch nicht alle Veranstaltungen sind für kleine Larper geeignet. Das größte Problem ist meist der psychische Druck. „Es gibt auch richtige Schocker, bei denen Kinder nicht zugelassen werden“, sagt Steffi.

Pädagogischer Wert für Kinder

Schocker-Larps

Auf Schocker-Larps ist der psychische Druck für Kinder zu hoch. Foto: DOK.fest

In Finnland jedoch wurde der pädagogische Wert von Live-Rollenspielen erkannt. Dort gibt es kinderfreundliche Larps, die von Schulen organisiert werden. Die larpende Lehrerin Nico erklärt: „Auf dem Rollenspiel werden Kreativität und Gemeinschaftsgefühl gestärkt“ und Gabi fügt aus eigener Erfahrung hinzu: „In Deutschland fehlt es den Kindergärten und Schulen oft an diesem Bewusstsein.“

In der Öffentlichkeit treffen Live-Rollenspieler regelmäßig auf Unverständnis. In der Presse wurde den Rollenspielern bereits satanistischer Kult vorgeworfen. Doch die Rollenspieler haben bemerkt, dass die Toleranz vieler Menschen steigt, wenn sie sich mit dem Thema Larp beschäftigen. So wie Gabis Vater, der im Nachbarhaus wohnt und die Vereinstreffen aus nächster Nähe mitbekommt. Richtig angefreundet hat er sich mit dem ausgefallenen Hobby seiner Familie nicht. Aber falsch kann es nicht sein, denn „bei dem Trend machen ja viele junge Leute mit“, wie er sagt.

Interessenten ja, aber bitte keine Zuschauer

Interessenten sind auf den Veranstaltungen gerne gesehen. Allerdings sollten auch sie sich im Spiel befinden – also gewandet und mit einer Statistenrolle am Geschehen teilnehmen. „Wir mögen es nur nicht, wenn uns Leute von außerhalb des Spiels zusehen“, sagt Steffi. „Wenn man Zuschauer hat, verhält man sich im Spiel ganz anders und kann nicht in die Fantasiewelt eintauchen“.

So bezaubernd die Spiele auch sind, mit Kritik müssen Rollenspieler leben und umgehen. Ob Live-Rollenspiele allerdings verrückt sind, ist eine Frage der Definition. Und diese kann sehr weit gegriffen werden, wie der Film „Die Herren der Spiele“ mit folgendem Satz erkennt: „Wenn jemand Autorennen fährt, ist das ebenfalls verrückt, aber es ist auch ein Hobby“.

Larpisch für Einsteiger:

  • Con (Convention) = eine Larp-Veranstaltung
  • InTime= Die aktive Spielzeit
  • Larp (Live-Action-Role-Play) = Live-Rollenspiel
  • OutTime = Zeit, die im realen Leben verläuft
  • Plot = Die Spielhandlung eines Liverollenspieles
  • SL = Spielleitung

Video: Schwertkampf im Live-Rollenspiel

Hinweis: Die Tonqualität musste leider darunter leiden, dass die Hochschule kein entsprechendes Aufnahmegerät zur Verfügung stellen konnte.

Redaktion, Kamera, Ton und Schnitt: Benjamin Linsner

Veröffentlicht auf dokfest-muenchen.de

Veröffentlicht in Online/Print Getagged mit: ,