Feature: Bier in Namibia

Erläuterung zum Beitrag
Aktuell zum „Tag des deutschen Bieres“ habe ich das Thema Brauen auf Namibia heruntergebrochen. Ein Besuch bei der Namibischen Brauerei bildete die Grundlage für dieses Feature.

 

Deutsche Genusskultur vom Fass

In Windhoek wird Bier nach deutschem Vorbild gebraut – Ausgezeichnet und hochmodern

Als der deutsche Herzog Wilhelm IV. 1516 das Reinheitsgebot erließ, hatte er keine Ahnung, welche Auswirkung diese Verordnung eines Tages annehmen wird. Am 23. April verkündete der Herzog in Ingolstadt, dass Bier ausschließlich aus Gerste, Hopfen und Wasser gebraut werden darf. Im Jahre 1920, also 404 Jahre später, begannen Carl List und Hermann Ohlthaver knapp 8000 Kilometer südlich, in Windhoek, Bier nach dieser Verordnung herzustellen.

Namibia-Brauerei

Brauerei unter Palmen: Die Namibia-Brauerei in Windhoek ist ein Stück Deutsche Kultur in Afrika.

Heute verantwortet Christian Müller die Produktion von täglich 7000 Hektolitern Bier bei der Namibischen Brauerei (NBL). Der Braumeister ist gebürtiger Windhoeker, hat aber 15 Jahre lang in deutschen Brauereien gearbeitet und dort das Brauhandwerk erlernt. Die deutschen Wurzeln pflegt NBL besonders: „Unsere Lehrlinge müssen spätestens während der Ausbildung die deutsche Sprache erlernen“, sagt Müller. „Am Ende ihrer Ausbildung verbringen die angehenden Brauer sieben Monate in Ulm, wo sie zur Berufsschule gehen und einen Berufsabschluss nach den Kriterien der Industrie und Handelskammer erhalten.“ Auch Hans Herrmann, Leiter für Versorgung und Lieferung, betont: „Geschäftskunden aus anderen afrikanischen Staaten sind oft erstaunt über unsere Ausbildung. Für die Brauerei können wir das Personal eben nicht einfach von der Straße holen.“

Ein Blick in die Produktionshallen der Brauerei in Windhoek offenbart den Hintergrund der umfangreichen Ausbildung. Bis unter die Decke ragen silberne Stahltanks aus dem Boden, verbunden durch voluminöse Rohrleitungen. Zahlreiche Knöpfe und Anzeigen machen deutlich: Hier ist Hightech am Werk. In einem Kontrollraum sitzen Mitarbeiter vor mehreren Bildschirmen und überwachen die Produktion. „Das Brauen läuft weniger handwerklich ab“, erklärt Müller. „Die meisten Mitarbeiter sind in der Flaschenfüllerei aktiv. Wenn eine Flasche auf dem Förderband hängen bleibt oder Dosendeckel nachgefüllt werden, muss Hand angelegt werden.“

In den großen Braubehältern scheint dagegen alles von allein zu funktionieren. Nach der Verkleinerung des Malzes in einer haushohen Mühle verbleibt die zähe Flüssigkeit zunächst zwei Stunden bei 72 Grad im Maischbottich. Anschließend werden die restlichen Feststoffe im Läuterbottich maschinell entfernt. Die aussortierten Feststoffe nennen Fachleute auch Treber. „Dieses Abfallprodukt eignet sich gut als Viehfutter. Oftmals kommen Farmer, um sich einen Anhänger voll abzuholen“, erzählt der Braumeister.

Vorderwuerze

Braumeister Christian Müller zapft die Vorderwürze ab. Die heiße Flüssigkeit schmeckt sehr süß und soll bei Halsschmerzen helfen.

Die Gärung dauert im Schnitt sechs Tage, anschließend wird das Bier gelagert, bis die Hefe nach einer Woche absackt und abgeschöpft werden kann. „Die Hefe vermehrt sich bei der richtigen Temperatur recht schnell, daher können wir die abgeschöpften Kulturen bis zu vier Mal verwenden.“ Für diesen Prozess hat die Brauerei erst kürzlich einen neuen Membranfilter angeschafft. „Bei dem alten Filtersystem mussten wir die Extrahierung vier Stunden lang vorbereiten. In dieser Zeit konnten die Filter nicht eingesetzt werden“, erinnert sich Müller. Das neue System soll ohne Unterbrechungen arbeiten und so die Produktion verbessern.

Alle Windhoeker Biere bestehen aus den Zutaten Gerste, Hopfen, Hefe und Wasser. Die Hefe wurde dem Reinheitsgebot jedoch erst später hinzugefügt. „Im 16. Jahrhundert war die Hefe noch unbekannt. Erst Louis Pasteur machte einige hundert Jahre später auf die Existenz dieses Pilzes aufmerksam“, sagt Christian Müller. Gerade wegen der Verwendung dieser Zutaten ist das Windhoeker Bier weniger namibisches, als deutsches Bier. „Der einzige Unterschied zum deutschen Bier ist der Alkoholgehalt“, erklärt Müller. „In Deutschland beinhaltet Bier meistens fünf Prozent, wir brauen dagegen leichtere Biere mit vier Prozent Alkohol.“

Der Brauer-Bund, Deutschlands Dachverband der Brauindustrie, begrüßt es, wenn ausländische Biere nach dem Reinheitsgebot hergestellt werden. Der Verband erklärt: „Das Reinheitsgebot ist ein Synonym für deutsche Genusskultur. Eine Brauerei, die im Ausland nach dem deutschen Reinheitsgebot braut, ist zumindest ein Stück weit Botschafter deutscher Braukunst, mit der es gelingt, rund 5000 verschiedene Biere in Deutschland und weitere im Ausland – etwa in Windhoek – zu brauen.“

Die Namibia Breweries stellen im nördlichen Industriegebiet von Windhoek verschiedene Biersorten her. Neben Windhoek Lager, Light und Draught werden unter anderem auch Tafel Lager, Club Shandy und Heineken (in Lizenz) gebraut. Im Winter wird zustäzlich das Urbock angesetzt. 800 Hektoliter des bernsteinfarbenen Starkbieres warten 2013 im Edelstahltank darauf, abgefüllt zu werden.

Windhoeker Biere überzeugen Kritiker in aller Welt. Auszeichnungen bei Wettbewerben, wie dem European Beer Star oder der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), belegen die internationale Konkurrenzfähigkeit des namibischen Gerstensaftes. Bei der jüngsten DLG-Bewertung hat NBL viermal Gold abgeräumt: für Tafel Lager, Windhoek Draught, Windhoek Light und Windhoek Lager – und das bei einer Konkurrenz von über 800 Bieren.

Flaschenfuellerei

Die Flaschenfüllerei durchlaufen mehrere Tausend Flaschen täglich.

Die Namibia Breweries exportieren einen Großteil der jährlich produzierten 2,5 Millionen Hektoliter Bier ins Ausland. Dabei werden sowohl umliegende Staaten wie Südafrika oder Angola beliefert, aber auch in entfernten Ländern wie Australien, Großbritannien und Deutschland finden sich Abnehmer.

Das Reinheitsgebot ermöglicht selbst Menschen, welche vollständig auf den Konsum tierischer Produkte verzichten, den Genuss der goldenen Flüssigkeit. „Wir bekommen immer häufiger Anfragen von Veganern, ob wir tierische Produkte bei der Herstellung verwenden. Und wir können ihnen antworten, dass dies nicht der Fall ist“, sagt Braumeister Müller freudig.

Erlassen im Zeitalter der Renaissance, hat die Lebensmittelvorschrift inzwischen sogar Einzug in die moderne Kommunikationstechnik gehalten. Nicht zufällig beginnen die Mobilfunknummern aller Mitarbeiter der Namibia Breweries mit den Zahlen „1516“ – aus Stolz über die Qualität und Reinheit ihrer Produkte.

 

Den Originalartikel auf der Webseite der Allgemeinen Zeitung Namibia finden Sie hier. 

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