Die „kleinen Hetzkästchen“ im Kreisboten

In den letzten Wochen ist insbesondere der Kreisbote durch seine Berichterstattung aufgefallen. Die Piratenpartei machte auf ihrer Homepage auf die „kleinen Hetzkästchen“ aufmerksam. Ich habe nachgezählt und in den letzten Ausgaben insgesamt 23 Anzeigen gefunden, die sich mit dem Bürgerbegehren befassen. Davon werben lediglich vier Anzeigen gegen das Forettle-Center, 19 Anzeigen rufen den Leser dazu auf, für das Einkaufszentrum zu stimmen.

Alle Anzeigen sind ordentlich gekennzeichnet, rechtlich steht dem nichts entgegen.

Eine Übersicht der E-Paper-Ausgaben findet sich hier.

Warum gibt es so viele Pro-Fachmarktzentrum-Anzeigen?

Anzeigenleiter Alfred Bloos bekräftigt in einem Telefonat (23.07.2014): „die Gegenseite hat nicht mehr Anzeigen geschaltet. Wir können keine Anzeigen weglassen, die für das Forettle-Center werben, da wir rechtlich verpflichtet sind, alle Anzeigen zu veröffentlichen“. Weiterhin bekräftigt Bloos, die Thematik sei innerhalb der Redaktion umfangreich diskutiert worden. „Der Chefredakteur wollte die vielen Anzeigen, egal ob Pro- oder Contra-Fachmarktzentrum, gar nicht im Blatt“, so der Anzeigenleiter.

Der Offenburger Medien-Professor Thomas Breyer-Mayländer sieht für die Ablehnung von Werbeanzeigen dagegen durchaus Möglichkeiten. In seinem Standardwerk „Wirtschaftsunternehmen Verlag (erschienen im Bramann-Verlag), beschäftigt sich der Medienwissenschaftler mit dem sog. Kontrahierungszwang. Laut Breyer-Mayländer liegt dieser nur bei „monopolartiger Alleinstellung einer Lokalzeitung“ vor. Dies ist in Kaufbeuren jedoch nicht der Fall. Bloos selbst merkte im Gespräch an, dass mit der „Allgäuer Zeitung“ ein weiteres Medienunternehmen im lokalen Markt tätig ist. Weiterhin bestehe laut Breyer-Mayländer ein Ablehnungsrecht, wenn die Anzeige gegen die „redaktionelle Leitlinie“ verstößt. Dieser Fall trete besonders häufig bei politischen Anzeigen auf.

Über den Verantwortlichen der roten Anzeigen, in denen Wählertäuschung vorgeworfen und der Neubau des Stadions als Irrsinn bezeichnet wird, könne Bloos keine Auskunft geben. „Nur wenn sich die Staatsanwaltschaft einschaltet, dürfen wir den Auftraggeber nennen“, betont er. Die Piratenpartei veröffentlicht auf ihrer Internetseite Spekulationen über die Hintermänner. Demnach seien die „Regierungsfraktionen CSU und KI involviert„.

Fragen bleiben unbeantwortet

Insgesamt hatte ich dem Kreisboten sechs Fragen zu der Anzeigenproblematik gestellt. Diese sind nachfolgend unverändert aufgelistet:

  • 1 Wurde auf die Zusammenhänge der o.g. Personen, Parteien und Wirtschaftsunternehmen bewusst keine Rücksicht genommen?
  • 2 Warum werden die Anzeigen direkt neben dem redaktionellen Teil platziert und nicht an anderer Stelle im Blatt, wo sie nicht auf einen Blick mit dem zugehörigen redaktionellen Teil zu erfassen sind?
  • 3 Wer zeichnet sich für die roten Anzeigen (z.B. „Wählertäuschung“) verantwortlich (Auftraggeber, Verantwortlicher)?
  • 4 Wie hoch sind die Einnahmen, die der Kreisbote mit den oben genannten 19 Anzeigen generiert, die sich für das Fachmarktzentrum aussprechen?
  • 5 In der Ausgabe vom 02.07. findet sich eine Anzeige mit dem Titel „Herzlichen Glückwunsch“ (Jubiläumsbeilage S. 43). Darin gratulieren die CSU-Abgeordneten Franz Josef Pschierer und Stephan Stracke zum Jubiläum. 
    • 5a Wie viel hat die CSU dem Kreisboten für diese Anzeige bezahlt oder gab es ggf. ein Entgegenkommen anderer Art? 
    • 5b Gab es von anderen Parteien ebenfalls Anfragen, solch eine Anzeige zu schalten? Wenn ja, warum wurden diese nicht veröffentlicht? 
  • 6 Gibt es Beziehungen zwischen Mitarbeitern des Kreisboten und den in Kaufbeuren aktiven Parteien/politischen Organisationen?

Zum weiteren Vorgehen

Ich habe bereits umgehend eine Anfrage an die CSU sowie die Kaufbeurer Initiative gestellt. Die zentrale Frage lautet schlicht „Zeichnen Sie sich für die roten Anzeigen im Kreisboten verantwortlich? Aus „ermittlungstaktischen-Gründen“ möchte ich vorerst nicht auf das weitere Vorgehen eingehen. – The enemy is watching you 😉


Kommentar
Schweigen um jeden Preis?

Abgesehen von Frage 3, welche laut Bloos aus rechtlichen Gründen nicht beantwortet werden könne, wurde auf keine der Fragen zufriedenstellend eingegangen. Viel mehr wurden die Fragen ignoriert. Redaktionen haben regelmäßig mit unbeantworteten Recherchefragen zu kämpfen. Bei einer Anfrage gegenüber einem Medienunternehmen, hatte ich mir mehr daher Offenheit erhofft. Das Gegenteil ist eingetreten: zunächst wurde mir in einer E-Mail vorgeworfen, ich würde dem Unternehmen „Käuflichkeit“ unterstellen.

Leider ist die Unterscheidung von „unterstellen“ und „kritisch nachfragen“ nicht bei allen Medien in diesem Land geläufig. Ich hatte nicht einmal zu Suggestivfragen gegriffen, dennoch fühlte sich mein Gegenüber angegriffen. Dieses Verhalten macht einen Recherchepartner noch verdächtiger. Wer sich mit allen Mitteln darum windet, unangenehme Fragen beantworten zu müssen, hat meist etwas zu verbergen.

Benjamin Linsner

Linsner 23. Juli 201420:44

Update: Der 2. Vorsitzende der Kaufbeurer Initiative, Alex Uhrle, antwortet auf meine Anfrage: „Nein. Nur da wo KI draufsteht, ist auch KI dahinter“. Die Kaufbeurer Initiative habe demnach nichts mit den Anzeigen zu tun.

Veröffentlicht in Forettle